DE-78-Lymph

 

Historisch gesehen wurden Blut und Lymphe erst spät zum ersten Mal klar getrennt voneinander beschrieben. Die erste wissenschaftliche Veröffentlichung stammt von 1622, in der der italienische Chirurg und Anatom Gasparo Aselli seine Erkenntnisse über Lymphgefäße beim Hund niederschrieb. In den 1650er Jahren dokumentierte der schwedische Anatom Olof Rudbeck die Passage der Eingeweidelymphgefäße in den Ductus thoraticus, was bewies, dass die lymphatische Zirkulation ein integriertes System ist, jedoch getrennt ist von der Blutzirkulation.

Im 19. Jahrhundert wurden in der westlichen Welt die gesundheitsfördernden Aspekte von Bewegung, im Sinne von therapeutischer Bewegung, durch die Deutschen Johann Guts Muths und „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn bekannt und etablierten sich. Einige Jahre später entwickelte der Schwede Pehr Henrik Ling Muths‘ Gymnatiksystem weiter, die „schwedische Heilgymnastik“, auch bekannt als „Ling system“, entstand. Sie kombinierte erstmals aktive mit passiver Bewegung, heutzutage gilt Ling als „Vater der modernen Massage und Physiotherapie“.

1874 gründete Andrew Taylor Still – unabhängig von europäischen medizinischen Theorien – die Osteopathie. Er kreierte einen multidimensionalen Ansatz in manueller Medizin, in dem das lymphatische System eine zentrale Rolle spielte, obwohl Still selbst feststellte, die Lymphe sei ein Mysterium, das es noch zu lösen gelte.

In Still’s eigenen Schriften sind keine speziellen Lymphtechniken zu finden, aber aus Aufzeichnungen seiner Schüler und Wegbegleiter geht hervor, dass Dr. Still spezifische lymphatische Drainagetechniken angewendet und gelehrt hat.

Die erste Veröffentlichung lymphatischer Techniken in einem Lehrbuch erfolgte 1898 durch Elmer D. Barber, ein Absolvent aus dem zweiten Jahrgang der ASO (American School of Osteopathy). Er publizierte spezielle manuelle Techniken zur „Befreiung“ der lymphatischen Zirkulation.

Die erste „echte“ lymphatische Pumptechnik wurde in den 1920er Jahren von C. Earl Miller als thoracic pump technique beschrieben. Damit soll zum einen ganz allgemein die Drainage angeregt werden, was der Verbesserung des Allgemeinzustandes dient. Zusätzlich empfahl Dr. Miller diese Pumptechniken auch in der Behandlung von Infektionskrankheiten.

Ein weiterer wichtiger Name im Zusammenhang mit Techniken für das Lymphsystem ist Frederic P. Millard, der 1922 das erste osteopathische Buch herausgab, das sich ausschließlich mit dem lymphatischen System befasste.

Einige weitere bekannte Osteopathen verdeutlichten die zentrale Bedeutung des Lymphsystems bei der osteopathischen Behandlung:

Die Eheleute Dres. Chapman nutzen ihre Reflexpunkte neben Diagnostikzwecken auch, um die Bewegung von Flüssigkeiten, vor allem der Lymphe, und die Funktion der Viszera zu beeinflussen. Auch der Begründer der kraniosakralen Therapie, William Garner Sutherland, beschrieb und unterrichtete die wichtige Rolle des lymphatischen Systems, sowie entsprechende Techniken. Dr. Gordon J. Zink, dessen Spitzname „the lymphomanic“ gewesen sein soll, erfand in den 1970er Jahren lymphatische Techniken für die Verbesserung der Beweglichkeit des Diaphragmas und direkte „Melktechniken“ der Lymphgefäße.

Derzeit zählen noch weitere Techniken zu den lymphatischen Pumptechniken: abdominal und pelvic pump, Leber- und Pankreaspumpe, Pedal-Pump, pektorale Traktion und recht junge Techniken wir die aurikulare und okulare Pumpe sowie die Medulla- und Liquorpumpe.

Wissenschaftlich betrachtet wurde bereits zwischen 1919 und 1934 in frühen Untersuchungen herausgefunden, dass die „Milzpumpe“ einen Anstieg der Leukozytenzahl bewirkt und somit das Immunsystem stimuliert. Dies konnte im späten 20. Jahrhundert durch weitere klinische Studien bestätigt werden. Measel et Kafity (1986)1, Jackson et al. (1998)2, Mesina et al. (1998)3 fanden einen Anstieg von Abwehrzellen im Blut nach Behandlungen mit osteopathischen lymphatischen Pumptechniken.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Entwicklung manueller Techniken eine lange Geschichte aus verschiedenen wissenschaftlichen Richtungen hat. Die spezifische Behandlung für das Lymphsystem wurde von Osteopathen konzipiert. Heutzutage finden lymphatische Techniken häufige Anwendung in der osteopathischen Behandlung und wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen ihre positiven Effekte.

 

Referenz: Chickly BJ. Manual Techniques Addressing the Lymphatic System: Origins and Development. J Am Osteopath Assoc. 2005 Oct;105(10):457-64.

1 Measel JW, Kafity AA. The effect of the lymphatic pump on the B and T cells in peripheral blood [abstract]. J Am Osteopath Assoc. 1986;86:608

2 Jackson KM, Steele TF, Dugan EP, Kukulka G, Blue W, Roberts A. Effect of lymphatic and splenic pump techniques on the antibody response to hepatitis B vaccine: a pilot study. J Am Osteopath Assoc. 1998;98:155-160.

3 Mesina J, Hampton D, Evans R, Ziegler T, Mikeska C, Thomas K, Ferretti J. Transient basophilia following the application of lymphatic pump techniques: a pilot study. J Am Osteopath Assoc. 1998;98:91-94.

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